Von George Giacaman
Die entsetzlichen und tragischen Ereignisse des 11. September haben zu einer intensiven öffentlichen Debatte über die Rolle des Islam in der aktuellen Weltordnung geführt. Die Massenmedien in vielen westlichen Ländern schlussfolgerten, dass ein "Kampf der Kulturen" bevor stehe. Präsident Bushs Erklärung, die USA würde einen "Kreuzzug" gegen den Terror führen, brachte viele Muslime und Araber zu der Annahme, auch sie wären das Ziel. Religiöse Führer erschienen auf den Bildschirmen verschiedener Satellitensender in der arabischen Welt und bezogen sich auf den "Kreuzzug" gegen den Islam, der ihrer Ansicht nach eine Diffamierungskampagne, Verunglimpfung und Verzerrung darstellte.
Auch wenn die vereinfachende Berichterstattung vieler westlicher Medien über die Rolle des Islam ebenso wenig ernst zu nehmen ist, wie die tyrannischen Ideologen der anderen Seite, was aber sind dann die Themen, die realen oder imaginären?
Zunächst ist festzustellen, dass in jeder Verallgemeinerung über Muslime oder den Islam als historisches Phänomen eine Gefahr steckt. Mehr als eine Milliarde Menschen gehören weltweit dieser Religion an, deren Geschichte mehr als 14 Jahrhunderte umfasst. Wie Christentum und Judentum erlaubt der Islam eine Vielzahl von Sekten, Traditionen und Auslegungen.
Man könnte durchaus behaupten, der Islam sei grundsätzlich unter veränderten Bedingungen flexibler und anpassbarer als beispielsweise der Katholizismus, denn offiziell hat der Islam keine "Kirche". Da wo es historisch an Anpassungsfähigkeit und Veränderung gefehlt hat, war dies eher die Schuld der Muslime als des Islam. Einen religiösen Fundamentalismus aber gibt es nicht nur in einer Religion.
Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass es im Verhältnis zwischen Muslimen, vor allem im Nahen Osten, und "dem" Westen ein spezifisches und historisches Problem gibt. Ursache der heutigen Unzufriedenheit sind vor allem die amerikanische Unterstützung autoritärer Regime, die fehlende Unterstützung für eine gerechte Lösung des Konflikts in Israel und Palästina und die sich verschärfende Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt.
Manche weisen darauf hin, dass es im Islam keine Reformation oder Aufklärung gegeben habe, und dass er daher unfähig wäre, die Moderne oder gar Postmoderne, was immer damit gemeint sein mag, zu bewältigen. Das stimmt jedoch nur zum Teil. Viele muslimische Fundamentalisten sehen sich selbst als Beteiligte eines Reformprozesses, denn sie legen, ähnlich wie Calvin oder Luther, die Religion anders aus, als die aktuelle Orthodoxie.
Sie stehen moderner Wissenschaft nicht per se ablehnend gegenüber, weder als Technik noch als "Macht über die Natur", um die Worte Francis Bacons, dem frühen Anwalt und Missionar der modernen Wissenschaft, zu benutzen. Richtig ist, dass sie sich gegen den Säkularismus stellen und ihre Weltanschauung möglicherweise nicht mit Demokratie kompatibel ist, wenn diese Säkularismus bedingt. Doch das bedeutet nicht notwendigerweise eine extremistische Innen- oder Außenpolitik. Der iranische Präsident Chatami ist ein Beispiel dafür.
Die Reformbewegung begann in der arabischen Welt Mitte des 19. Jahrhunderts und dauerte das gesamte 20. Jahrhundert an. Es handelte sich in erster Linie um eine religiöse, soziale und politische Reform, die durch den Kontakt zum Westen nötig wurde. Obwohl die meisten arabischen Länder noch unmittelbar von westlichen Imperialisten beherrscht wurden, begannen muslimische und arabische Autoren und Denker einzelne Aspekte der westlichen Form gesellschaftlicher Organisation als modellhaft zu betrachten.
Es gibt verschiedene Gründe, warum die Reform letztlich scheiterte, und manche der dafür zu nennenden Faktoren wirken noch heute. In der Zeit zwischen den letzten beiden Weltkriegen gab es in mehreren arabischen Ländern zunächst liberale demokratische Regime mit westlichen Regierungsformen. In den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts waren die meisten von ihnen jedoch bereits gestürzt und durch autoritärere Regierungsformen ersetzt worden. Die neuen Herrscher versprachen, die Fehler ihrer Vorgänger wieder gut zu machen, die vor allem drei Bereich betrafen: die interne Verteilung des Wohlstands, die Abhängigkeit von Fremdherrschaft und die durch Israel 1948 zugefügte Niederlage, die den andauernden arabisch-israelischen Konflikt auslöste und die Mehrheit der Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieb.
Dass Protestbewegungen und Bewegungen, die politische und gesellschaftliche Veränderung anstreben, einen religiösen Touch bekommen, ist in der Geschichte der Menschheit nicht neu, um so weniger in einer Zeit, in der es nur noch wenige säkulare Ideologien gibt. Die Befreiungstheologie in Lateinamerika war ein früher Vertreter dieses Trends in den letzten Jahrzehnten.
Doch es wäre falsch, konzentrierte man sich ausschließlich auf den religiösen und ideologischen Ausdruck der Proteste und ignorierte damit zum Teil die Klagen, Ansprüche, Bedürfnisse und Interessen, die ihnen zu Grunde liegen. Die Essenzialisierung des "Anderen" ist der direkte Weg zu Rassismus und Antisemitismus.
Wenn die Muslime heute in der Welt eine positive und bedeutende Rolle spielen sollen, wie das in ihrer langen Geschichte häufig der Fall war, müssen die konkreten gesellschaftlichen Probleme, unter denen viele leiden, angegangen werden. Themen der Armut und sozialen Gerechtigkeit haben Priorität, doch interne Reformen, politische Partizipation und Pluralismus sind ebenso wichtig. Der Wandel obliegt den Muslimen und bedingt zugleich eine Weltordnung, die ihn nicht behindern darf.
Wenn Scheitern und Pessimismus zu Extremismus führen, erfordert die Reform Vertrauen und die realistische Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Es ist kein Zufall, dass der Grundgedanke der europäischen Aufklärung der Fortschritt war, der feste Glaube daran, dass eine bessere Zukunft möglich ist. Zugegeben: Es ist noch viel zu tun, doch es steht auch viel auf dem Spiel.
George Giacaman ist Dekan an der Birzeit Universität und Direktor des Palestinian Institute for the Study of Democracy (Muwatin), in Ramallah, Palästina.
Übersetzt aus dem Englischen: Lilian-Astrid Geese